Schwappt die Autokrise über den Teich

Die Stimmung in der nordamerikanischen Autobranche lässt sich nirgendwo besser messen als in Traverse City (Michigan) – auf den Management Briefing Seminars. Seite 1968 treffen sich hier Jahr für Jahr Vertreter von Autoherstellern, Zulieferern und Forschung. Dieses Jahr ist die Stimmung unter den 1100 Teilnehmern so trübe wie vielleicht noch nie zuvor. Kein Wunder: Der Preis für ein Barrel Öl (159 Liter) hat sich von Januar 2007 bis 2008 verdoppelt. Gleichzeitig gehen immer mehr Kreditinstitute baden, nachdem sie den Amerikanern absurde Hypotheken aufgeschwatzt haben, und die Kunden verlieren ihr Geld. Also lassen US-Bürger immer öfter ihr Auto stehen. Dieses Jahr sind sie schon 42 Milliarden Meilen weniger gefahren als ein Jahr zuvor. Sie kaufen weniger neue Autos – und wenn, sollen sie günstig und sparsam sein. Der Markt für Pick-Ups und SUV´s ist in den ersten sieben Monaten dieses Jahres um 19,3 Prozent zurückgegangen. Die Marke Chrysler hat 30,1 Prozent weniger Umsatz gemacht; Hummer ist um 43,6 Prozent eingebrochen, GM findet offenbar nicht mal einen Käufer für die Marke Hummer. Auch Audi Q7, BMW X3 und Mercedes G laufen schlecht – dafür ist der Absatz von Mini um 32 Prozent nach oben geschnellt, und seit der US-Markteinführung im Januar 2008 ist Daimler dort fast 14000 Smart losgeworden. Insgesamt verkaufen die deutschen Konzerne in den USA immer noch so viele Autos wie bisher.

Also alles in Butter? Nein: Mit kleineren Autos lässt sich grundsätzlich weniger Geld verdienen, und Spritspartechnik wie eine Start-Stopp-Automatik ist teuer herzustellen. Der Stahlpreis hat sich zudem innerhalb von sieben Monaten praktisch verdoppelt. Problem der US-Firmen: Die Umstellung der Produktion von große auf kleine Autos verschlingt bis zu 200 Millionen Dollar pro Fabrik. GM, Ford und Chrysler fordern 40 bis 50 Milliarden Dollar staatliche Kredite, um schnell sparsame Autos entwickeln zu können. Zulieferer stellen 70 bis 80 Prozent eines Autos her. Spätestens hier schwappt die Krise wieder nach Deutschland – zu Bosch, zu Conti, aber auch zu kleineren Firmen. TI Automotive zum Beispiel fertigt Brems- und Kraftstoffleitungen in Deutschland – da steht TI-Chef Bill Kozyra im Management Briefing Seminar und erklärt, dass die Zulieferer wohl mehr Arbeitsplätze abbauen müssen als die Hersteller. Andererseits steigt die Nachfrage nach deutscher Hochtechnologie. Ford etwa verspricht, in den nächsten fünf Jahren 750000 Benzinmotoren mit Turbolader und Direkteinspritzung zu bauen. Falls der Dieselpreis wieder sinkt, können die Europäer auch damit in Amerika richtig punkten.

Nicht nur die deutschen Konzerne verkaufen viele kompakte Autos in den USA, auch die amerikanischen. Der Ford Focus etwa läuft prima. Der neue Fiesta wird jetzt in Köln über den großen Teich verschifft, die Fertigung in Mexiko beginnt erst 2010. So lange verdient Europa Geld damit.

Und die deutschen Autofahrer? Die profitieren langfristig davon, dass US-Konzerne mehr sparsame Modelle bauen. Denn die größere Konkurrenz wird Europäer und Asiaten zwingen, gute Autos zu bezahlbaren Preisen anzubieten.

Weltuntergangsstimmung herrscht auch auf den Seminaren in Michigan nicht. Die einen Manager versuchen, die steigenden Absatzchancen in China zu beziffern, die anderen begeistern sich für das SYNC-System in neuen US-Ford-Modellen – nicht so sehr, weil es Telefon und MP3-Player mit Spracherkennung im Auto zusammenführt, sondern eher, weil Ford damit viel Geld verdienen kann.

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Autor: admin
Datum: Samstag, 4. Oktober 2008 21:05
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